Zwei Wörter. Und mein Kopf schreibt einen Roman.
Es braucht manchmal erstaunlich wenig.
Eine Nachricht. Zwei Wörter.
Kein Hallo.
Kein Emoji.
Keine Erklärung.
Und mein Kopf?
Der braucht ungefähr drei Sekunden, um daraus einen ganzen Roman zu schreiben.
Mit Handlung.
Motiv.
Charakterentwicklung.
Und selbstverständlich kennt er auch schon das Ende.
Praktisch eigentlich. 😉
Von der Information zur Interpretation in Rekordzeit
Nehmen wir eine völlig unspektakuläre Nachricht.
„Passt so.“
Das sind erst einmal zwei Wörter.
Mehr nicht.
Mein Kopf könnte daraus aber problemlos machen:
„Okay. Irgendwas stimmt nicht.“
Dann:
„Die Antwort ist ziemlich knapp.“
Kurz darauf:
„Bestimmt ist die Person genervt.“
Und wenn wir noch ein paar Minuten Zeit haben:
„Ich habe bestimmt etwas falsch gemacht.“
Oder, je nach Tagesform:
„Offensichtlich bin ich ihr nicht wichtig.“
Beeindruckend, oder?
Aus zwei Wörtern wird innerhalb kürzester Zeit eine ziemlich komplexe Geschichte.
Nur eine Kleinigkeit fehlt:
Ich weiss gar nicht, ob sie stimmt.
Was ist eigentlich wirklich passiert?
Diese Frage klingt banal.
Ist sie aber nicht.
Denn häufig reagieren wir gar nicht auf das, was passiert ist.
Wir reagieren auf das, was wir glauben, dass es bedeutet.
Jemand antwortet nicht.
Das ist eine Beobachtung.
„Er ignoriert mich.“
Das ist bereits eine Interpretation.
Jemand begrüsst mich knapp.
Beobachtung.
„Sie ist sauer auf mich.“
Interpretation.
Jemand nimmt sich keine Zeit für ein Gespräch.
Beobachtung.
„Ich bin offenbar nicht wichtig genug.“
Interpretation.
Und das Spannende daran:
Die Interpretation kann stimmen.
Sie kann aber genauso gut völlig falsch sein.
Vielleicht klingelte gerade das Telefon.
Vielleicht war der Kopf woanders.
Vielleicht läuft im Hintergrund etwas, von dem ich nichts weiss.
Vielleicht ist die andere Person müde, gestresst, beschäftigt oder schlicht gerade nicht besonders gesprächig.
Oder vielleicht ist sie tatsächlich genervt.
Ich weiss es nur noch nicht.
Und genau dieses Nichtwissen halten wir oft erstaunlich schlecht aus.
Unser Kopf liebt geschlossene Geschichten
Offene Fragen sind irgendwie unbequem.
Warum hat jemand so reagiert?
Was bedeutet dieser Blick?
Warum kam keine Antwort?
Weshalb war die Person heute anders als sonst?
Unser Gehirn mag Lücken offenbar ungefähr so gern wie ich ungeklärte To-do-Listen.
Also werden sie gefüllt.
Und meistens nicht mit:
„Spannend. Ich weiss es einfach noch nicht.“
Nein.
Wenn wir sowieso schon müde, angespannt, verletzt oder unsicher sind, greift unser Kopf gerne in die Schublade mit den alten Geschichten.
Ich bin nicht wichtig.
Ich habe etwas falsch gemacht.
Ich bin zu viel.
Ich reiche nicht.
Andere ziehen sich zurück, wenn ich mich zeige.
Und plötzlich geht es gar nicht mehr um diese eine Nachricht.
Es geht um etwas viel Älteres.
Unsere Geschichten entstehen nicht im luftleeren Raum
Das finde ich wichtig.
Denn es wäre zu einfach zu sagen:
„Dann interpretier halt nicht so viel.“
Danke für den Tipp. 😄
Unsere Interpretationen haben eine Geschichte.
Sie entstehen aus Erfahrungen, Erwartungen, Verletzungen und Dingen, die wir über uns selbst gelernt haben.
Wer früher oft kritisiert wurde, hört Kritik manchmal schon dort, wo vielleicht nur Kürze war.
Wer erlebt hat, dass Nähe plötzlich entzogen wurde, reagiert möglicherweise besonders sensibel auf Distanz.
Wer gelernt hat, für die Stimmung anderer verantwortlich zu sein, merkt sofort, wenn sich irgendwo die Temperatur im Raum verändert.
Das ist nicht falsch.
Es ist ein Schutzmechanismus.
Nur ist ein Schutzmechanismus eben kein Hellseher.
Vielleicht braucht es nicht weniger Gedanken – sondern eine kleine Lücke
Ich versuche inzwischen etwas anderes.
Nicht sofort meine Gedanken wegzumachen.
Sondern einen kleinen Abstand zwischen Beobachtung und Geschichte zu bringen.
Manchmal hilft mir dabei eine einfache Frage:
Was weiss ich gerade wirklich?
Nicht:
Was glaube ich?
Nicht:
Was befürchte ich?
Nicht:
Was wäre theoretisch alles möglich?
Sondern:
Was weiss ich?
Vielleicht bleibt dann nur:
Die Nachricht war kurz.
Mehr weiss ich gerade nicht.
Oder:
Die Person hat heute keine Zeit für ein Gespräch gefunden.
Warum, weiss ich nicht.
Oder:
Es kam keine Antwort.
Punkt.
Das fühlt sich zunächst fast unbefriedigend an.
Weil der Roman plötzlich nach zwei Seiten endet.
Aber genau dort entsteht etwas, das ich mittlerweile sehr schätze:
Wahlfreiheit.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt manchmal ein ganzer Wertekompass
Denn wenn ich nicht sofort auf meine Interpretation reagieren muss, kann ich mich etwas anderes fragen:
Wie möchte ich eigentlich mit dieser Situation umgehen?
Nicht:
Wie schaffe ich es, dass die andere Person sich anders verhält?
Sondern:
Wie möchte ich sein?
Will ich aus Unsicherheit drängen?
Mich rechtfertigen?
Mich zurückziehen?
Zurückschiessen?
Oder möchte ich ruhig bleiben?
Klar.
Respektvoll.
Vielleicht neugierig.
Vielleicht auch einfach abwartend.
Für mich ist das ein sehr werteorientierter Moment.
Denn plötzlich entscheidet nicht mehr meine erste Angst über mein Verhalten.
Sondern ich.
Und manchmal bestätigt sich die Geschichte trotzdem
Natürlich gibt es auch das.
Manchmal stellt sich später heraus:
Ja, die Person war tatsächlich sauer.
Ja, jemand wollte Abstand.
Ja, eine Situation war anders, als ich sie mir gewünscht hätte.
Der Unterschied ist nur:
Dann reagiere ich auf etwas, das tatsächlich da ist.
Und nicht auf eine Geschichte, die mein Kopf vorsorglich schon einmal geschrieben hat.
Das macht unangenehme Wahrheiten nicht automatisch angenehmer.
Aber oft klarer.
Mein Kopf wird trotzdem weiterschreiben
Da mache ich mir keine Illusionen.
Wahrscheinlich wird er auch weiterhin aus zwei Wörtern ganze Drehbücher entwickeln.
Mit überraschenden Wendungen und gelegentlich etwas zu viel Drama.
Er ist darin wirklich talentiert.
Aber vielleicht muss ich nicht jede Geschichte sofort glauben.
Manchmal reicht:
Interessante Theorie.
Und dann:
Was weiss ich eigentlich wirklich?
Vielleicht ist genau diese kleine Frage manchmal der Unterschied zwischen einem Kopf voller Geschichten und einem Moment echter Klarheit.
Und falls mein Kopf trotzdem unbedingt weiterschreiben möchte?
Nun ja.
Dann darf er.
Ich muss den Roman ja nicht gleich veröffentlichen. 😉